Solarpflicht in Deutschland – Was steckt dahinter?

ARNE GONSCHOR

AKTUALISIERT AM: 09.06.2022

ARNE GONSCHOR
AKTUALISIERT AM: 09.06.2022

Die Solarpflicht ist eines der meist diskutierten Instrumente, wenn es um das Erreichen der Pariser Klimaziele geht. Doch was genau versteht man überhaupt unter der Solarpflicht? Kommt sie bundesweit auch für private Neubauten? Und wer zahlt für all die neuen PV-Anlagen? In diesem Artikel erfahren Sie es.

Handwerker bei der Montage eines Solarmoduls auf Hausdach

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Was bedeutet “Solarpflicht” überhaupt?

Unter der Solarpflicht oder auch der solaren Baupflicht versteht man die gesetzliche Vorgabe zum Einbau von Photovoltaikanlagen oder Solarthermie auf Neu- und Bestandsgebäuden. Mit dieser Pflicht möchte der Gesetzgeber den Ausbau der regenerativen Energien maßgeblich beschleunigen. Bisher gilt die Solarpflicht allerdings nur in einzelnen Kommunen oder Bundesländern.

Tatsächlich wäre die Solarpflicht ein großer Schritt in Richtung Klimaneutralität 2045. Kritik am angedachten Gesetz gibt es trotzdem, besonders wenn es um die allgemeine Finanzierung oder auch die Realisierung auf Mietshäusern geht. Wie genau eine Solarpflicht am Ende aussehen soll und inwieweit auch Altbauten mit einbezogen werden, ist allerdings noch weitestgehend unklar.

Fest steht jedoch, dass die Möglichkeiten zur Erfüllung einer Solarpflicht noch nie so vielfältig waren wie heute. Dank stetig sinkender Modulpreise und großzügiger Förderangebote für Stromspeicher rechnen sich Photovoltaikanlagen immer früher. Des Weiteren ermöglichen Mietmodelle für Solaranlagen eine flexible Finanzierung ohne zusätzliche Anschaffungskosten. 

Wo ist die Solarpflicht bereits in Kraft?

Als erstes großes Bundesland hat Baden-Württemberg die Solarpflicht für Wohngebäude eingeführt. Alle neuen Nichtwohngebäude und alle neuen Wohngebäude müssen verpflichtend eine Solaranlage installieren. Ab Januar 2023 gilt die solare Baupflicht dann ebenfalls für die Dachsanierung bestehender Gebäude. Zuvor hatten bereits die Stadtstaaten Berlin, Hamburg und Bremen eine Solarpflicht für Wohngebäude ab spätestens 2023 gesetzlich verabschiedet. 

Auch in anderen Bundesländern wie Rheinland-Pfalz, Niedersachsen oder dem Freistaat Bayern gelten bereits abgeschwächte Varianten der Solarpflicht. In diesen Fällen sind bisher jedoch nur gewerblich genutzte Gebäude sowie Parkplatzflächen mit inbegriffen. Wann und ob die solare Baupflicht in diesen Bundesländern auch auf Wohngebäude erweitert wird, bleibt offen.

Nach den Wahlen in NRW und Schleswig-Holstein in 2022 sehen die Koalitionsverträge der neuen Regierungen ebenfalls eine Solarpflicht vor. In NRW ist eine schrittweise Einführung der Solarpflicht für Neubauten bis 2025 geplant. Ab 2023 sollen zunächst alle neuen öffentlichen Gebäude mit Solar ausgestattet werden müssen, 2024 dann alle neuen gewerblichen Gebäude und ab 2025 schließlich auch private Neubauten. Der Koalitionsvertrag in Schleswig-Holstein ist da noch etwas schwammiger. Hier wird lediglich eine Solarpflicht ab 2025 angekündigt. Für welche Gebäude diese gilt, bleibt unklar. Inwieweit die angestrebte Solarpflicht in NRW und Schleswig-Holstein dann in Gesetze überführt wird, ist ohnehin noch abzuwarten.

Auf kommunaler Ebene war Waiblingen 2006 die erste deutsche Stadt, die eine Solarpflicht für Neubauten einführte. Seitdem haben verschiedene Kommunen wie Tübingen, Amberg,  Marburg eine Solarpflicht. Auch die ehemalige Bundeshauptstadt Bonn hat inzwischen eine Solarpflicht. Ab Juli 2022 zieht dann auch Neu-Ulm nach.

Photovoltaikanlagen auf drei Neubauten in Reihenhaussiedlung
Bald die Normalität? Photovoltaikmodule auf dem Dach eines jeden Hauses

Kommt bald auch die bundesweite Solarpflicht?

Die Ampel-Koalition möchte eine bundesweite Solarpflicht für Photovoltaik auf gewerblichen Neubauten einführen. Für private Neubauten heißt es nur Solar soll dort “die Regel werden”. Auch im Bestand ist die nachträgliche Installation einer Solaranlage bisher nicht verpflichtend.

Ob und in welcher Form eine umfassende bundesweite Solarpflicht für alle Gebäude kommen wird, ist damit weiterhin unklar. Fakt ist allerdings, dass das Thema in den kommenden Jahren ein wichtiger Baustein zum Erreichen der Klimaneutralität werden dürfte. Eine Regelung auf Bundesebene hätte den Vorteil, dass man deutschlandweit einheitliche Maßnahmen hätte und Solar deutlich schneller und unkomplizierter ausbauen könnte.

Wie groß ist Deutschlands Solarpotenzial?

Der schnelle und großflächige Ausbau von Solar- und Windenergie in den kommenden Jahren wird entscheidend sein, wenn Deutschland sein selbst gesteckten Klimaziele erreichen möchte. Gerade beim Ausbau von Solaranlagen auf privaten und gewerblichen Gebäuden sehen viele Expert*innen noch enormes Verbesserungspotential. 

So nutzen nach einer Studie des Ökostrom Anbieters LichtBlick beispielsweise die Metropolen Berlin, Frankfurt und München weniger als 15% ihrer verfügbaren Neubau-Dachfläche zur Gewinnung regenerativer Sonnenenergie. Und selbst in führenden Städte wie Köln, Leipzig oder Nürnberg stehen nach wie vor fast die Hälfte aller Neubauten ohne eigene Solaranlage da. Für ganz Deutschland errechnete EUPD Research im April 2021 sogar ein ungenutztes Photovoltaik-Potenzial von sage und schreibe 89%, Neu- und Altbau zusammengerechnet.

Sättigungsgrad von Photovoltaik in Deutschland im Jahr 2021
© EUPD Research

Möchte Deutschland seine selbst gesteckten Klimaziele erreichen, muss beim Photovoltaik Ausbau jetzt also Tempo aufgenommen werden. Die Ampel Koalition strebt bis 2030 200 GW installierte Photovoltaik-Leistung an. Hierzu wäre ein Zubau von ca. 15 GW jährlich notwendig. Zum Vergleich: 2020 wurden nur 4,9 GW Photovoltaik installiert. 2021 waren es bis Oktober 4,4 GW. Somit steigt der Zubau zwar leicht, um die nötige Ausbaugeschwindigkeit zu erreichen, muss aber noch deutlich zugelegt werden. Eine Solarpflicht für Neu- und Bestandsbauten könnte hier sicher helfen.

Was kostet die Solarpflicht?

Mit einer bundesweiten Solarpflicht kämen auf die Bauträger künftig wohl Mehrkosten zwischen 10.000 und 20.000 € zu. So viel kostet eine schlüsselfertige PV-Anlage für eine Einfamilienhaus aktuell durchschnittlich. Das einige Bauträger vor diesen zusätzlichen Kosten zurückschrecken könnten, ist verständlich. Entsprechend müssen gemeinsam mit der Solarpflicht auch passende staatliche Förderungen eingeführt werden. Die Stadt Bonn beispielsweise bezuschusst den Bau einer Solaranlage im Rahmen ihrer Gesetzgebung mit 200 € pro Kilowatt Peak.

Der große Vorteil einer Solaranlage ist allerdings: Dank einer Kombination aus Stromkostenersparnis und Einspeisevergütung können Eigenheimbesitzer*innen ihre Investitionskosten für die Solaranlage nach aktuell ca. 10 Jahren im Betrieb wieder ausgleichen. Mit entsprechender Förderung kann die Amortisationszeit sogar noch weiter sinken.

Fazit: Wie sinnvoll ist die Solarpflicht?

Bei der Solarpflicht ist es wie bei jeder anderen gesetzlichen Verpflichtung: Es wird angeregt und hitzig darüber diskutiert. Fest steht allerdings, dass Deutschland beim Ausbau der Photovoltaik ordentlich Tempo aufnehmen muss, um die angestrebten Ziele zu erreichen. Des Weiteren wird die mögliche Einführung einer privaten Solarpflicht nicht ohne zusätzliche Förderung funktionieren. Städte wie Bonn gehen hier mit gutem Beispiel voran.

Kritik an der Solarpflicht kommt dabei sowohl von Bauträgern als auch von privaten Hausbauern, die die zusätzlichen Investitionskosten scheuen. Hier wird jedoch stets vergessen, dass mit der Installation einer PV-Anlage und der daraus resultierenden Stromkostenersparnis auch erhebliche finanzielle Vorteile einhergehen. Von der größeren Unabhängigkeit und dem aktiven Beitrag zum Klimaschutz mal ganz zu schweigen.

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