Das Passivhaus – Gebäudestandard mit minimalem Energieverbrauch

NADINE KÜMPEL

AKTUALISIERT AM: 18.05.2022

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AKTUALISIERT AM: 18.05.2022

Der Passivhausstandard ist bereits ein seit Jahrzehnten etablierter Niedrigenergiestandard. Doch ab wann gilt ein Haus als Passivhaus und lohnt es sich überhaupt, ein Passivhaus zu bauen? Wir schauen genauer hin.

Modernes weißes Einfamilienhaus

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Kurz erklärt: Was ist ein Passivhaus?

Ein Passivhaus ist ein Gebäude mit einem sehr niedrigen Energiebedarf. Erreicht wird der niedrige Energiebedarf vor allem durch eine gute Dämmung und eine Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung. Passivhäuser sind so gut gedämmt, dass eine herkömmliche Heizung nicht mehr notwendig ist. Daher kommt auch der Name des Passivhauses. Statt dem Haus aktiv Energie zuzuführen, sorgt bereits die Bauweise eines Passivhauses für die Wärmeregulierung. 

Definitionen des Passivhausstandards

Passivhaus Institut

Um festzulegen, ab wann ein Haus als Passivhaus gilt und wie das Haus gebaut werden muss, hat das Passivhaus Institut das Konzept Passivhaus Projektierungspaket (PHPP) erarbeitet. Der PHPP Standard gilt als der führende Standard für Passivhäuser. 

Nach dem PHPP darf der Heizwärmebedarf eines Passivhauses nicht mehr als 15 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr (kWh/(m²a)) betragen. Insgesamt dürfen zum Heizen, zur Warmwasserbereitung und zur Stromversorgung zudem nicht mehr als 60 kWh/(m²a) erneuerbare Primärenergie benötigt werden.

Passivhaus-Energiestandard in Deutschland

Neben der Definition des Passivhaus Instituts ist der Begriff Passivhaus-Energiestandard auch ein anerkannter Energiestandard für Gebäude in Deutschland. Ein Passivhaus ist hier “ein Gebäude, das die thermische Behaglichkeit (ISO 7730) allein durch Nachheizen des Frischluftvolumenstroms, der für ausreichende Luftqualität (DIN 1946) erforderlich ist, gewährleistet – ohne dazu zusätzlich Umluft zu verwenden.“

Der Passivhausstandard in Österreich

In Österreich gibt es für alle Gebäude verpflichtend einen Energieausweis. Die höchste Stufe des Energieausweises ist der Passivhausstandard mit der Kategorie A++. Um diesen Standard zu erreichen, muss der Heizwärmebedarf pro Quadratmeter und Jahr kleiner als 10 sein. Das entspricht etwa 200 bis 300 Litern Heizöl pro Jahr. 

Außerdem ist der Passivhausstandard in Österreich in der Ergänzung zum neueren klima:aktiv Gebäudestandard zu finden. Der dortige Kriterienkatalog entspricht überwiegend dem des PHPP-Standards des Passivhaus Instituts.

Minergie P in der Schweiz

Die Schweiz nutzt den Begriff Passivhaus nicht. Stattdessen gibt es in der Schweiz die sogenannten Minergie-Standards. Vergleichbar mit dem Passivhausstandard ist hier der Minergie-P Standard.

Technik eines Passivhauses

Damit ein Passivhaus seinen geringen Energiebedarf erreicht, verfügt es über einige technische Besonderheiten. Welche das bei einem Passivhaus nach PHPP sind, erfahren Sie hier.

WÄrmEDämmung

Zentrales Element eines Passivhauses ist die Wärmedämmung. Wärmedämmung bedeutet, dass die Außenhülle des Gebäudes (Außenwände, Fenster, Türen, Dach) so verstärkt wird, dass von der Wärme im Gebäude nur wenig nach außen entweicht. Dadurch muss weniger Wärme von Außen zugeführt werden und der Heizwärmebedarf sinkt. Konkret darf ein Passivhaus nur einen Wärmedurchgangskoeffizienten (U-Wert) von maximal 0,15 W/m²K haben. Das bedeutet, pro Grad Temperaturunterschied und Quadratmeter Außenfläche gehen höchstens 0,15 Watt verloren.

Fenster

Die Fenster eines Passivhauses sind dreifach verglast und lassen nur wenig Wärme nach außen. Konkret sollen sie einen U-Wert von 0,8 W/m²K. Das ist mehr als für die Wände des Passivhauses zulässig ist, aber für Fenster schon ein ziemlich guter Wert.

Luftdichtheit

Wenn Luft durch kleine Ritzen im Gebäude entweicht, nutzt auch eine gut gedämmte Außenhülle nichts. Die Fugen eines Passivhauses müssen daher gut versiegelt sein. Luftdichtheit ist im Passivhaus das A und O. Genau genommen darf die Leckage durch Fugen beim Test- mit Unter-/Überdruck von 50 Pascal nur unter 0,6 Hausvolumen pro Stunde sein.

Wärmebrückenfreiheit

Eine Wärmebrücke ist eine Stelle im Gebäude, an der mehr Wärme verloren geht als an anderen Stellen. Dies wird bei einem Passivhaus vermieden, da so wenig Wärme wie möglich aus dem Gebäude entweichen soll.

Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung

Passivhäuser verfügen über eine automatische Lüftungsanlage, die die Luft im Gebäude regelmäßig austauscht. Das sorgt für eine gute Raumluft, hat aber auch eine energiesparende Wirkung. Denn im Gegensatz zu herkömmlichen Lüftungsanlagen wird die von der Lüftungsanlage angesaugte Raumluft mit der Wärme der Abluft vorgewärmt. Die Vorgabe lautet hier: mindestens 75 % der Wärme aus der Abluft müssen der Frischluft wieder zugeführt werden.

Wärmepumpe (OPTIONAL)

Passivhäuser benötigen bis zu 90 % weniger Heizwärme als andere Gebäude. Der verbleibende Heizwärmebedarf muss aber dennoch gedeckt werden. Mit welcher Heizungsanlage das geschieht, schreibt der Passivhausstandard nicht vor. Da der Heizwärmebedarf so gering ist, lohnt sich eine normale Heizung jedoch meist nicht. Oftmals kommen sogenannte Wärmepumpen-Kompaktgeräte zum Einsatz, die Lüftung, Heizung und Warmwasserbereitung vereinen. Alternativ ist aber auch ein kleiner Pelletofen oder ein anderes Heizgerät denkbar.

Photovoltaik (optional)

Auch wie der Strombedarf eines Passivhauses gedeckt wird, ist nicht eindeutig festgelegt. Zwar reduziert eine gute Dämmung den Heizwärmebedarf eines Gebäudes, der Stromverbrauch der Bewohner bleibt jedoch unverändert. Oftmals installieren Besitzer*innen eines Passivhauses daher eine Photovoltaikanlage, die günstigen Sonnenstrom vom eigenen Dach liefert. Bestandteil des Passivhaus-Konzeptes ist dies jedoch nicht.

Vor- und Nachteile eines Passivhauses

VORTEILE

NACHTEILE

sehr geringe Heizkosten

höhere Baukosten

durch niedrigen Heizwärmebedarf unabhängig von Preissteigerungen im Heizungsmarkt

Temperatur im Haus ist nahezu überall gleich (Problem, wenn Schlafzimmer kühl und Bad warm möchte)

durch hohe Dämmung verbesserter Schallschutz

Risiko von trockener Luft im Winter

angenehmes Raumklima, keine Zugluft

Lüftungsanlage ist anfällig für Störungen

automatisches Lüften durch Lüftungsanlage

Viel Dämmmaterial nötig (nicht immer ökologisch)

Hintergrund: Die Entstehung des Passivhausstandards

Das Passivhaus ist nicht neu. In vielen Teilen der Erde gibt es seit jeher Häuser, die ohne aktive Heizung oder Kühlung auskommen und somit im Prinzip Passivhäuser sind. Da dort jedoch die klimatischen Bedingungen vor Ort ideal sind, kommen Sie ohne die spezielle Technik eines Passivhauses nach PHPP-Standard aus. 

Das Konzept, das passives Wohnen auch bei suboptimalen Bedingungen ermöglicht, wurde erstmals auf dem Schiff Fram im Jahr 1883 verwendet. Das Schiff wurde stark gedämmt und mit dreifach verglasten Fenstern ausgestattet. Hierdurch musste auch bei niedrigen Temperaturen kein Ofen genutzt werden. Erst in den 1970er und 1980er Jahren erfolgte die Übertragung auf Häuser. 1972 wurde das erste Haus mit den Elementen eines Passivhauses in Kopenhagen gebaut. Heutzutage erfüllt es lediglich die energetischen Anforderungen an ein Niedrigenergiehauses, dennoch konnte man aus dem Experiment viel lernen. Erste Passivhäuser hatten vor allem Probleme, eine dauerhafte Luftdichtheit zu schaffen. 

Im Jahr 1990 entwickelte ein Team aus deutschen Wissenschaftler*innen ein verbessertes Lüftungskonzept und gedämmte Fensterrahmen, die kostengünstig und effizient waren. Damit war die serienreife Produktion von Passivhäusern möglich. 1991 wurde schließlich das erste anerkannte Passivhaus in Deutschland gebaut. Dieses wurde von Dr. Wolfgang Feist, dem Leiter des Passivhaus-Instituts, geplant. Darauf folgten viele weitere zertifizierte Passivhäuser und es entwickelte sich ein neuer anerkannter Baustandard.

Passiv- oder Aktivhaus – Welcher Gebäudestandard setzt sich durch?

Der Passivhausstandard ist umstritten. Kritiker äußern etwa, dass Passivhäuser hohe Baukosten verursachen und dass die verwendeten Dämmmaterialien zudem nicht umweltfreundlich sind. Zwar gibt es auch umweltfreundliche Baumaterialien für Passivhäuser, doch grundsätzlich gilt: würden wir jedes existierende Gebäude durch ein Passivhaus ersetzen bzw. zum Passivhaus sanieren, hätte das enorme Emissionen zur Folge. 

Ein Gegenkonzept zum Passivhaus ist das Aktivhaus. Aktivhäuser erzeugen mithilfe von erneuerbaren Energien aktiv Energie und decken so ihren Energiebedarf. Beide Konzepte verkörpern gegensätzliche Ansätze.

In der Realität bahnt sich wie so oft ein Kompromiss an. Die Energiestandards für neue Gebäude sinken kontinuierlich. Für Neubauten ist eine KfW-Förderung nur bei Erreichen eines KfW-40 Standards möglich. Gleichzeitig besteht aber auch die Pflicht zur Nutzung erneuerbarer Energien im Neubau. Gerade die Photovoltaikanlage ist eine ideale Ergänzung zum Passivhaus. Denn auch bei einem Heizenergiebedarf von nahezu Null bleibt der Strombedarf im Passivhaus bestehen. Das moderne Haus ist so ein Niedrigenergiehaus nahe dem Passivhausstandard, dass sich mit einer Luftwärmepumpe und einer eigenen Photovoltaikanlage überwiegend autark mit Energie versorgt.

Lohnt sich ein Passivhaus?

Der Passivhausstandard ist ein etablierter Baustandard. In der Praxis ist der Bau von Häusern nach PHPP-Standard jedoch eher selten. Vielmehr empfiehlt es sich, das Passivhaus als Vorreiter und Inspiration für energiesparendes Bauen zu betrachten. Viele der Elemente eines Passivhauses sind heute Standard in Neubauten. Lüftungsanlagen mit Wärmerückgewinnung und gute Wärmedämmung sind so nicht mehr wegzudenken. Ob die U-Werte zur Erreichung des PHPP Standards dabei genau eingehalten werden müssen oder ob es doch etwas mehr Erneuerbare Energie sein darf, ist dabei Geschmackssache. 

Wir empfehlen: Informieren Sie sich auch über andere Baustandards und vergleichen Sie das Passivhaus-Konzept. Wichtig ist vor allem, dass ein heute errichtetes Gebäude klimafreundlich ist. Dabei zählen nicht nur die Emissionen, die beim Bewohnen des Gebäudes entstehen, sondern auch die Emissionen durch den Bau. Grundsätzlich haben kleine Bungalows, Tiny Houses und Mehrfamilienhäuser bessere Klimabilanzen als große Einfamilienhäuser, die von 1 oder 2 Personen bewohnt werden. Einmal mehr gilt: Es gibt nicht den einen Weg. Klimafreundliches Wohnen erfordert Weitsicht, Kompromisse und eine Auseinandersetzung mit verschiedensten Technologien.

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